Der rote Faden, der sich durch den Film zieht, besteht aus der Frage: Was bedeutet es, heute und hier arm zu sein? Obwohl es um das Thema Armut in Ostdeutschland geht, gibt es niemanden vor der Kamera, der oder die explizit arm genannt wird.
Eine Frau von der wir wenig wissen, nur ihre Wohnung sehen, führt uns durch den Film ohne zu sprechen. Ihre Gefühle drückt sie aus in der Art und Weise, wie und wo sie läuft. Sie ist Projektionsfläche einerseits und entzieht sich einfachen Erklärungen und Zuschreibungen andererseits.
Die Strategie der Annäherung an das Thema ist die des Vergleichens. „Die Arbeitslosen von Marienthal“ – eine Studie über Arbeitslosigkeit und Armut eines kleinen österreichischen Dorfes, die Anfang der 30er Jahre des 20en Jahrhunderts erschien – wird von einer männlichen Sprecherstimme vorgelesen. Das Vorgelesene erscheint gleichzeitig als Schrift auf verpixelten alten Fotos, auf denen Armut als Klischee, so wie wir es auch im Kopf haben, zu sehen ist. In dieser Zeit mußten Arme hungern und frieren, sie hatten keine Schuhe und nichts Anzuziehen. Durch den Wechsel mit Bildern von heute und das Einspielen von Interviewausschnitten, die wir mit Nicht-Armen über Armut führten, wird deutlich, daß die Probleme der Armut heute andere sind als die zum Beginn des 20en Jahrhunderts. Auch das Computerspiel im Vorspann, in dem kokettiert wird mit einer Revolution und Aufständen der Armen zeigt uns ein Klischee, mit dem wir nicht weiterkommen.
Das Verschwinden des Zeitgefühls, Resignation und Lethargie – Zustände, die auch in der Marienthalstudie beschrieben sind, bleiben zum Schluß als Befund über Armut übrig. Der Film verlangsamt sich, alles beginnt zu verschwimmen.
Immer wieder werden Bilder von den Nicht-Armen, den Normalen gezeigt. Sie feiern und konsumieren sinnlos, sie verdrängen und kompensieren durch Konsum. Diese Möglichkeit der Verdrängung durch Konsum ist den Armen heute nicht gegeben. Der Ausschluß der Armen aus der Gesellschaft ist nicht der aus einer Öffentlichkeit (die es nicht mehr gibt), sondern aus einer Konsumgesellschaft, in der sich die Menschen über den optimalen Konsum im Privaten bestimmen.

Zu wenig zu viel? Zu wenig zu viel? Zu wenig zu viel? Zu wenig zu viel? Zu wenig zu viel? Zu wenig zu viel? Zu wenig zu viel? Zu wenig zu viel?

Informationen

Format:
DVD
Produzent:
André Piontek/ Judith Siegmund
Drehbuch:
Judith Siegmund
Kamera:
André Piontek
Schnitt:
André Piontek/ Judith Siegmund
Schauspieler:
Beata Lehmann
Teilen auf:
Aufgeführt bei:
Ausstellung `urban memories`, Altes Museum Berlin (2010); Kampagne gegen Zwangsumzüge, Die Lunte (2010)
Gefördert durch:
Kunststiftung Sachsen Anhalt