Besuch in der Heimat

2016, Regie: Frauke Rahr

Der Film geht los. Zu sehen ist ein alter 15-minütiger Schwarzweißfilm auf 16 mm, welcher das Alltagsleben einer sorbischen Frau zeigt. Der Sprecher ist aus einer anderen Zeit, der Ton klingt alt, der Titel ist in einer nicht mehr modernen Schriftart – das müssen Aufnahmen von früher sein und tatsächlich, der Film sagt, er ist von 1957. Abspann und Ende folgen.
Der Zuschauer denkt, der Film ist zu Ende, doch halt! Jetzt geht derselbe Film noch einmal von vorne los, aber diesmal in bunt, im Format 16:9 und mit einer modernen Vertonung von 2016. Es sind exakt dieselben Filmbilder und der gleiche Schnitt, aber nun werden einige Dinge sichtbar, die in der eben gesehenen Schwarzweißversion aus dem Jahr 1957 hinter den schwarzen Balken, die rechts und links das 4:3-Bildformat säumen, versteckt waren. So sieht man in der bunten, heutigen Version des Videos in einer Szene einen Tagebaubagger, welcher im Schwarzweißfilm von 1957 noch nicht zu sehen war.
Die beiden Filme zeigen die Frau in ihrem Alltag: Man sieht, wie sie auf ihrem Hof die Tiere versorgt, mit dem Waschbrett wäscht, Holz hackt – unaufgeregt und in der Machart einer klassischen Doku, wie man sie tausendfach gesehen hat und aus dem TV kennt. Es gibt einen Sprecher, der ähnlich wie in einer typischen Doku mit einer angenehmen Erzählerstimme Fakten nennt und durch den Film trägt. Infotainment. Er beredet die Filmbilder und nimmt den Zuschauer an die Hand. Letztendlich gibt es zwei in sich geschlossene, runde Kurzdokumentationen, die jeweils für sich stehen können und verschiedene Geschichten aus zwei unterschiedlichen Zeiten erzählen: eine 1957, die andere 2016.
Der Clou dabei ist, dass beide Filme im Kern aus exakt demselben Filmmaterial und dem gleichen Schnitt bestehen! Alles in allem ist „Besuch in der Heimat“ eine sonderbare und awkward Dokumentation, welche Medienmanipulation anwendet und authentische Fakes thematisiert.
Weitere experimentelle Präsentationsvariante: Beide Filme können parallel gezeigt werden, dann verkürzt sich die Länge um die Hälfte.
Eingereicht zu
Kurzsuechtig 2018
Kategorie
Experimental
Dauer
33:20
Darsteller
Emma Krahl
Produzent
Frauke Rahr
Drehbuch
Frauke Rahr
Kamera
Frauke Rahr
Schnitt
Frauke Rahr
Musik
Dj Heroin, Claus Stoermer, Rowniske glosy, Posaunenchor Schleife
Gefördert durch
Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt
Aufgeführt bei
in Ausschnitten als Preview bei der langen Kurzfilmnacht der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt 2016, als Installation beim FilmFestival Cottbus 2017
Auszeichnungen
Links zu Referenzen:

- Bericht bei der Stilbruch-Reportage vom rbb, ab 14:47 min:
https://www.rbb-online.de/stilbruch/reportagen/filmfestival-cottbus.html

- radioeins-Interview zu `Besuch in der Heimat` mit Knut Elstermann beim Filmfestival Cottbus/
unten auf das Video `Filmtalk am 9. November` klicken:
https://www.radioeins.de/themen/kunst_kultur/filmfestival_cottbus/